
Anmurias


Anmurias Chroniken
Chroniken
Schreiben mit Katze Tinka oder
Die ersten Entwicklungen von Anmuria
Ina saß an ihrem alten Kiefernschreibtisch, die Finger über der Tastatur schwebend wie ein Pianist vor den Tasten. Der Tisch roch nach Kaffee und Papier; die Oberfläche war an den Kanten dunkel und glatt vom vielen Arbeiten. Auf dem rechten Monitor flimmerte ihr Manuskript, auf dem linken summten WhatsApp- und Discord-Fenster leise vor sich hin. Die Null-Taste der Tastatur weigerte sich zu funktionieren – sie tippte trotzdem weiter, als wäre das eine kleine, vertraute Macke im System ihres Lebens.
Sie blies den Dampf ihrer E-Zigarette in eine langsame Spirale, beobachtete, wie er sich im warmen Licht der Schreibtischlampe auflöste, und suchte mit der Maus nach dem richtigen Kapitel. Stattdessen klickte sie sich durch ein paar Videos, blieb an einem kurzen Clip hängen, lachte leise über einen Kommentar – und dann, halb aus Neugier, halb aus Trotz, öffnete sie einen KI-Generator, um ein Bild zu erstellen. Ein Bild von Laurin, der Figur, die seit Monaten in ihrem Kopf lebte und immer noch nicht ganz greifbar war.
Die Idee war simpel und ein bisschen verrückt: ein älteres Foto von sich selbst in ein männliches Porträt verwandeln, um Laurin ein Gesicht zu geben. Sie erwartete nichts Großes. Stattdessen erschien auf dem Bildschirm ein Mann mit kurzen braunen Haaren, klaren Augen und einem Ausdruck, der ihr Herz kurz stolpern ließ.
„So würde ich als Mann aussehen", murmelte sie und musste über sich selbst lachen. Das Lachen war warm und ein bisschen beschämt, als würde sie ein Geheimnis teilen, das nur sie und der Monitor kannten. „Ja, so würde ich als Mann wirklich gerne aussehen." Die Worte entfuhren ihren Lippen, und sie lachte erneut. „Das ist Laurin, mein Charakter, der in der Geschichte auftauchen wird."
Das Bild gespeichert, lud sie es in mehrere Generatoren hoch, um das beste Ergebnis für Laurins Seelenpartner zu erhalten. Sie gab folgenden Prompt ein:
„Generiere mir zu der Person auf dem Bild einen männlichen Seelenpartner, nicht älter als 25. Soll mit ihm verbunden sein."
Es dauerte ein paar Minuten, bis das Bild generiert wurde. Das erste Ergebnis war halbwegs in Ordnung. Beim nächsten kam die Meldung: „Uploads aufgebraucht. Upgrade auf Plus."
Innerlich sah Ina ihren Kontostand vor sich, der ihr deutlich sagte: Nö! Iss nich.
„Jaaa, wenn ick mal dit Jeld hätte. Zwanzig Euro im Monat habe ich jerade nicht übrich. Kennen alle keene Gnade. Die janze Welt besteht nur aus Jier", nörgelte sie in ihrem vertrauten Berlinerisch mit sich selbst und hoffte, dass sie es diesmal schaffen würde, ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.
Der dritte Versuch brachte ihr dann ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis. Erst hatte sie überlegt, eine weibliche Figur für Laurin als große Liebe zu erschaffen – sie hatte dazu auch schon das passende Bild – aber irgendetwas zog sie wieder mehr zur männlichen Variante.
Sie gab den nächsten Prompt ein, um zu dem passenden Bild und Laurin einen Namen zu finden.
„Wie würdest du d.,dmpoaäöilk##### +++++++++++++++++++++"
Tinka, ihre schwarzweiße Katze, entschied sich genau in diesem Moment, dass der Schreibtisch der beste Ort der Welt war. Mit einem eleganten Satz landete sie auf der Tastatur, hinterließ eine weitere Spur wirrer Zeichen und forderte lautstark Aufmerksamkeit ein. Ina lächelte, schob die Pfoten behutsam weg, streichelte den weichen Kopf, und Tinka drückte ihr Köpfchen gegen die Hand, als wolle sie sagen: Jetzt ist Schmusezeit!
Erneut gab sie den Prompt ein, zog danach an ihrer E-Zigarette und trank einen Schluck Kaffee, während das Programm Vorschläge ausspuckte und Tinka am Klebestreifen der Taschentuchpackung knabberte. Ihr kleiner Junkie!
Eine Liste von Namen erschien, die sie durchscrollte wie eine Einkaufsliste: einfache, vertraute Namen; exotische, klingende Namen; Namen, die an alte Legenden erinnerten. Sie las sie laut, um zu hören, wie sie sich anfühlten: „Aren, Silas, Corvin…" Manche blieben nur kurz hängen, andere lösten ein kleines Bild in ihrem Kopf aus. Sie tippte, markierte, verwarf, bis zwei Namen aufploppten, die ideal zu sein schienen: Eraniel und Arenor.
Ina lehnte sich vor, die Finger wieder über die Tastatur gelegt, und schrieb die Namen auf. Sie fragte die KI und ihre Freundin, welche der beiden Namen am besten geeignet wären, und Eranil wurde eindeutiger Sieger.
„Perfekt! It's got to biiiihiii perfect!" trällerte sie den Song, der einst von der Band Fairground Attraction veröffentlicht wurde.
Auf dem Bildschirm flackerte das Dokument, die Wörter ordneten sich, und für einen Moment verschwammen die Grenzen zwischen dem, was sie erschuf, und dem, was sie entdeckte. Draußen senkte sich die Dämmerung, und im Zimmer wurde das Licht weicher. Irgendwo zwischen Tastaturklackern und Katzenschnurren begann etwas, das größer war als eine Idee – ein Anfang, der nach Dampf roch und nach Namen, die noch gefunden werden mussten.
Zusammen mit der KI und ihren eigenen Angaben ließ sich Ina die Charakterdetails erstellen, kopierte sie in Word und änderte um, was ihr nicht passte. Es folgte eine neue Welt, zu der sie zur Inspiration nach Namen suchte. Ein paar ließ sie sich wieder generieren, notierte sich, was sie haben wollte, und ließ sich mit Hilfe des Generators daraus eine Weltkarte erstellen.
Thalorwyn war entstanden und der Ort, an dem die zwei Charaktere leben sollten, war Auritania – nicht gerade originell, aber passend für zwei wichtige Hüter. Ein Stadtname, Byndras' Furt, entstand. Sie gestaltete, entwarf und ließ die KI für sich schreiben. Die Geschichte baute sich auf und wuchs zu etwas Großem heran.
Warum sie die Künstliche Intelligenz dafür nutzte? Um zu testen und Spaß zu haben, da keiner ihrer Freunde gerade Zeit hatte, sich verrückte Szenen mit ihr auszudenken. Doch während sie mehr machen ließ, merkte sie: Zu viel wurde ausgelassen, zu viel lud nicht, und plötzlich wurde etwas Neues hinzugefügt, obwohl es keine Anweisung dafür gab. Und das vom größten Hersteller der Betriebssysteme überhaupt. Dazu kam dann noch, dass sie immer wieder daran erinnern musste, dass auf wirklich alles und jeden geachtet werden muss; dachte sie doch, das ist doch in der Lage, sich das zu merken?
Sie notierte ihre Erkenntnisse:
Erste KI: Gut zur Charaktergestaltung, Aufbau und erste Bildgenerationen mit ganz besonders wichtigen Prompts; außerdem noch gut für das Sammeln von Inspiration.
Zweite KI: Gut zur Bildergenerierung durch Prompts von KI Eins; auch um diese zu bearbeiten. Sie liebte dies besonders, da die Figuren oft so aussahen, wie Ina es sich erhofft hatte oder sogar noch übertrafen.
Dritte KI: Gut zum Ausbessern der Texte. Selber schreiben kam eigentlich nicht in Frage, raubte zu viel Energie – war sie doch gerade erst wieder psychisch auf Vordermann gekommen und ihr rechter Arm schmerzte dauerhaft, weshalb sie eigentlich hoffte, Angaben zum Schreiben in Form von sprachlichen Anweisungen durchzugeben.
Da es aber alles nichts brachte, musste sie durch, und sie würde von vorne anfangen, dabei noch mehr auf die Rituale und andere regelmäßig aufkommende Kleinigkeiten denken. Eben halt alles, was einen Charakter so lebendig macht.
Dann kam ihr eine Idee, wie sie anfangen könnte. Die ersten Zeilen entstanden und ja, sie würde ihre Freundin auch das lesen lassen, die sich schon durch ihre ersten beiden Kapitel durchquälen musste beziehungsweise eine Zustimmung von sich gegeben hatte. Während sie endlich einsah, dass sie selber schreiben musste und das dann auch endlich wollte, fing sie an, ihre Idee aufzuschreiben. Für psychisch Kranke oder für Behinderte, die trotzdem schreiben wollen, wäre so eine KI eigentlich ganz nützlich gewesen.
Und dann platzte endlich ein Knoten, als hätte sich eine große Blockade endlich aufgelöst, was die ganze Zeit in ihr geweigert hatte, die Arme und Finger zum Schreiben zu bewegen.
Ina entwickelte immer mehr Lust, bekam Energie, hatte Spaß und Freude, endlich wieder einer Geschichte nachzugehen.
Endlich konnte sie das fortsetzen, was ihr als Idee gegeben wurde, und der Titel entstand
ASCHE DER NAME