
Anmurias


Anmurias Chroniken
Chroniken
Manche Geschichten beginnen mit einer Begegnung. Andere mit einem Versprechen, dessen Bedeutung sich erst viel später offenbart.
In Anmuria sind Namen mehr als bloße Worte. Sie tragen Erinnerungen, verbinden Schicksale und bewahren, was nicht verloren gehen darf.
Doch was geschieht, wenn selbst diese Namen zu verschwinden beginnen?
Mit dieser Leseprobe lade ich euch ein, Laurin, Eranil und ihre Gefährten auf den ersten Schritten ihrer Reise zu begleiten.
Vielleicht entdeckt ihr dabei bereits die ersten Spuren eines Geheimnisses, das weit über ihre eigene Geschichte hinausreicht.
Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen und Eintauchen in Anmuria!
Nevaraniel
Prolog – Das Versprechen
Wenn der Morgen kommt, der keinen Namen trägt,
und Stimmen dort verstummen, wo Erinnerung war,
dann wird nicht der Starke gerufen,
sondern der, der bleibt, obwohl Gehen leichter wäre.
Zwei Seelen werden einander erkennen,
nicht durch Blut,
sondern durch das, was sie einander nicht nehmen.
Doch was verbunden ist, zieht den Schatten an.
Und was bewahrt, wird geprüft.
Hütet, was ihn zum Leuchten bringt.
Denn wenn Asche spricht,
ist es nicht das Feuer, das antwortet,
sondern das, was einst gezögert hat.
Der Morgen über Byndras’ Furth wirkte wie ausgewaschen.
Milchiger Nebel hing tief zwischen den Häusern, und der Fluss, sonst klar und laut, rauschte gedämpft wie ein Kranker, der den Atem anhält.
Der gepflasterte Weg glänzte noch vom Regen der vergangenen Nacht. Das Licht der Laternen spiegelte sich auf den nassen Steinen und ließ die Stadt freundlicher erscheinen.
Die Bewohner bauten ihre Marktstände auf, um ihre Waren feilzubieten. Stimmen mischten sich mit dem Klappern von Kisten und dem geschäftigen Treiben der Händler.
„Hebt an!“, rief ein kräftiger Mann und dirigierte die Träger an, schwere Kisten an ihren Platz zu tragen.
„Das Brot hierhin, das Gebäck dort!“, wies eine Frau ihre Helfer an, während sie Münzen in einer kleinen Holzkiste zählte.
„Leg die Pflaumen nicht zum scharfen Kraut! Hast du deinen Verstand am Hafen gelassen?“
Einer Magd entglitt ein Krug, der auf dem Pflaster zerschellte.
„Tölpelhafte Magd! Ist dir denn gar nichts heilig? Bei dir verwandelt sich ja noch die feinste Ware in Schutt!“, schimpfte eine Händlerin.
Byndras’ Furth war kein sonderlich großer Ort. Die Häuser standen dicht beieinander, nur schmale Gassen trennten sie. Dennoch blühte hier der Handel. Im kleinen Hafen wurden Schiffe entladen. Ballen, Säcke und Fässer wechselten von Hand zu Hand. Hoch darüber zog ein Flugträger seine Bahn, der weitere Händler und Käufer aus dem Süden brachte.
Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf einen jungen Mann, der gerade den Weg zur Brücke entlangging.
Gespräche verstummten. Nicht alle. Erst hier eines, dann dort ein anderes. Eine Händlerin hielt mitten in der Bewegung inne und sah ihm nach.
„Blondes Haar …“, murmelte jemand.
„Als trüge er Aurelians Licht in sich“, sagte eine andere Stimme.
Der Blonde hielt sein Notizbuch an die Brust gedrückt, eine Feder zwischen die Seiten geklemmt. Er bemerkte nicht, welche Aufmerksamkeit er erregte, doch selbst wenn er es bemerkt hätte, wäre es ihm gleichgültig gewesen. Während er sich umsah, durchquerte er den Ort und schlug den Weg zum Wald Auritanias ein, dorthin, wo sich das Haus der Sarocah befand.
Ein kläglicher Vogellaut zerschnitt die Stille und ließ Laurin aufhorchen. Ein weiterer folgte – schwächer.
Laurin blieb stehen und lauschte. Dann folgte er dem Laut.
Zwischen Farn und Wurzeln lag ein junger Rerrith, das linke Flügelgelenk verdreht. Seine Federkrone hing schlaff herab. Im schwarzen Gefieder schimmerten einzelne Federn blau und grün, als wechselten sie mit jeder Bewegung ihre Farbe. Sein langer Schweif war von feuchter Erde verklebt und lag reglos im Laub.
Ein Mann kniete bereits bei dem verletzten Tier. Er war schlank, aber kräftig gebaut und wirkte ruhig. Seine grauen Augen schienen mehr zu sehen, als sie preisgaben. Zerzauste schwarze Locken umrahmten sein Gesicht. Laurin schätzte ihn auf Ende zwanzig, ungefähr in seinem eigenen Alter.
„Er lebt noch“, sagte der Mann. „Aber er hat Angst.“
Laurin kniete sich neben ihn. „Darf ich?“
Der Schwarzhaarige nickte. Etwas regte sich in ihm, als er Laurins tiefe, warme Stimme hörte.
Als er den Arm anhob, rutschte sein Ärmel ein Stück zurück.
Darunter kam ein schmales Band aus verwobenen Fäden zum Vorschein:
Rosa, wie innerer Frieden.
Orange, wie die Flammen eines Feuers.
Gold, wie spätes Sonnenlicht.
Lila, wie die Schatten der Dämmerung.
Rot, wie die Glut unter der Asche.
Silber, wie Morgennebel – so fein, dass die Farben eher ahnbar als sichtbar waren.
Laurin bemerkte es nicht.
Doch der Rerrith sah es.
Und sein Atem stockte.
Unter Laurins warmer Hand entspannte sich der Vogel allmählich.
„Ganz ruhig … wir helfen dir.
Das Band am Arm des Fremden antwortete mit einem zweiten Puls – weich, vorsichtig, beinahe tastend, als wolle es Laurins Nähe ergründen.
Für einen Herzschlag schien der Wald stillzustehen, als lauschte die Welt selbst.
Der Rerrith hielt still, als der Fremde behutsam eine Hand auf ihn legte. Zunächst geschah nichts. Dann schloss der Schwarzhaarige die Augen und konzentrierte sich. Ein goldener Schein breitete sich unter seinen Fingern aus, drang zwischen die schwarz-blauen Federn und ließ etwas von ihrem ursprünglichen Glanz zurückkehren.
Dieser spürte ein leichtes Ziehen auf der Haut, hielt es jedoch für eine Nachwirkung seiner Anstrengung.
Schließlich nahm er die Hand zurück. Der Moment schloss sich lautlos.
Dann senkte er den Arm wieder. Der Moment schloss sich lautlos.
„Du bist ein Heiler“, stellte Laurin fest. Er hatte schon von dieser Gabe gehört, doch nun sah er sie zum ersten Mal mit eigenen Augen.
„Ja. Wir bringen ihn in die Herberge der Sarocah“, erwiderte der Fremde.
„Ich komme mit. Ich wollte ohnehin dorthin“, antwortete Laurin.
Und etwas zwischen ihnen begann zu atmen.
Der Rerrith ließ sich widerstandslos in seinen Armen tragen.
„Du bist neu hier“, bemerkte der Schwarzhaarige.
„Ja. Ich habe gehört, dass die Sarocah neue Mitglieder suchen.“
„Dann weißt du noch nicht“, sagte der Schwarzhaarige leise, „dass sich die Wege der Sarocah niemals zufällig kreuzen.“ Er warf Laurin einen kurzen Blick zu und lächelte. Etwas an diesem Lächeln kam dem Blonden seltsam vertraut vor. „Ich heiße Eranil.“
Laurin wollte etwas fragen, doch da huschte ein Schatten über den Pfad – entgegen dem Licht.
Für einen Augenblick verblasste das Morgenlicht.
Beide hatten ihn gesehen, doch keiner sprach ein Wort.
„Atme“, flüsterte Eranil, als müsste er sich selbst daran erinnern.
Als Laurin neben ihm tief einatmete, passte sich Eranil unwillkürlich seinem Atemrhythmus an. Die Anspannung in seinen Schultern ließ ein wenig nach.
Aus dem Augenwinkel betrachtete er Laurin.
Seltsam.
Eben noch hatte der Schatten Kälte in ihm hinterlassen. Jetzt stand dieser unfassbar gutaussehende Blonde neben ihm – und ausgerechnet seine Nähe ließ die Beklemmung schwinden.
Dann waren da noch diese blauen Augen. Dieses klare Blau, an dem sein Blick viel zu leicht hängen blieb. Laurins Haar fiel in sanften Wellen um Stirn und Schläfen. Dazu eine gerade Nase, ein markantes Kinn und volle, schön geschwungene Lippen, die man unbedingt küssen wollte.
Eranil blinzelte.
Bei allen Urkräften.
Für einen lächerlich kurzen Moment fühlten sich seine Knie nicht mehr ganz so zuverlässig an.
In den folgenden Tagen lernte Laurin die Sarocah kennen – ihre Stimmen, ihre Stärken und ihre Brüche.
Auch der Rerrith blieb, als wäre das Haus der Sarocah schon immer sein Zuhause gewesen. Seinen neuen Namen, Vísindi, schien er bereitwillig anzunehmen.
Vísindi war inzwischen kräftiger geworden und konnte wieder fliegen. Eines Abends brachte er etwas im Schnabel mit. Silber blitzte auf, als er seine Beute vor Laurins Füßen ablegte. Darin blitzte ein grünes Juwel auf, beinahe so, als hätte es ihn längst erkannt.
Ein Ring.
Laurin hob den Ring auf. Der Stein glomm leise, beinahe bejahend. Als er ihn an den Finger steckte, passte er, als hätte er schon immer dorthin gehört. Feine Schriftzeichen waren in das Silber graviert. Laurin erkannte die alte Sprache.
Er strich mit dem Daumen über die Gravur.
„Raca tu Aen“, murmelte er.
Eranil sah ihn überrascht an. „Du kannst du kannst Altanmurianisch lesen?“
Laurin hob leicht die Schultern. „Mein Vater brachte es mir einmal bei. Ist lange her.“ Er betrachtete den Ring erneut. „Lesen kann ich es noch. Aber was es bedeutet … keine Ahnung mehr.“
Abends am See Arenyl, wo das Wasser türkis glitzerte, stand Eranil neben ihm.
„Ich weiß nicht, warum“, sagte er leise, „aber das Gefühl, dich zu kennen, lässt mich nicht los.“
„Mir geht es genauso.“
Laurin sah ihm in die Augen.
Aus der Nähe wirkten sie heller, als er sie in Erinnerung hatte. Grau, aber nicht kühl. Eine Wärme lag darin, die so gar nicht zu dieser Farbe passen wollte. Eine dunkle Locke war Eranil in die Stirn gefallen, und Laurin verspürte plötzlich den vollkommen unsinnigen Wunsch, sie ihm aus dem Gesicht zu streichen.
Eranil war schön. Anders als alles Helle an Laurin selbst. Dunkles Haar, die klaren Linien seines Gesichts und dieser gelassene Ausdruck, der sich veränderte, sobald er lächelte. Dann wurde etwas Weiches daraus. Etwas, bei dem Laurin jedes Mal ein wenig länger hinsah.
Eranil hielt seinen Blick fest — ruhig, suchend — und für einen Moment vergaß Laurin zu atmen.
Irgendwann war der Abstand zwischen ihnen kleiner geworden. Laurin hätte nicht sagen können, wer von ihnen sich zuerst bewegt hatte. Vielleicht keiner. Vielleicht waren sie einander einfach entgegengekommen.
Ihre Hände fanden einander.
Die Berührung war vorsichtig, fast zögernd — und doch lag darin etwas Ganzes, als hielte jeder von ihnen für einen Atemzug die Welt des anderen.
Jetzt, da sie einander so nahe waren, nahm Laurin auch Eranils Geruch wahr. Kräuter, ein wenig herb, darunter etwas Warmes, das er nicht benennen konnte. Unwillkürlich atmete er tiefer ein.
Ihre Gesichter näherten sich langsam. Keiner von ihnen überbrückte die letzten Zentimeter sofort. Ein kurzer Blick, ein Zögern — genug Zeit für den anderen, zurückzuweichen.
Keiner tat es.
Dann trafen ihre Lippen aufeinander.
Laurin spürte es an seiner Hand, noch bevor er wusste, was es bedeutete. Der Ring pulsierte. Ein sanftes, sonnengoldenes Leuchten entstand tief in ihnen, zunächst kaum mehr als ein Schimmer. Feine Fäden traten hervor, strebten einander entgegen und verwoben sich, bis sie zu einem Band verschmolzen, das sich um ihre Körper legte.
Plötzlich veränderte sich das Wasser.
Tief unter der Oberfläche glitt ein dunkler Schatten entlang, lautlos, als würde er die Stille selbst berühren.
Ein Laut vibrierte aus der Tiefe.
Nicht hörbar, aber spürbar — wie ein kalter Hauch im Inneren eines Namens.
Und etwas unter dem Wasser flüsterte.
Laurin!
Der Name verklang, doch das Echo blieb.
Noch bevor Laurin verstand, was er gehört hatte, löste sich der Schatten im Wasser auf, und der See lag wieder still vor ihnen — zu still.
Während über Arenyl längst wieder Ruhe eingekehrt war, hatte sich anderswo bereits etwas in Bewegung gesetzt.
Niemand hörte es kommen.
Niemand sah, was es nahm.
Erst das Fehlen würde davon erzählen.
Schon bald würde Byndras’ Furth mit einem Verlust erwachen, den zunächst nur wenige bemerkten – und doch alle spüren würden.
Denn eines Morgens fehlte etwas auf der Brücke.
Nicht ein Laut.
Nicht ein Gegenstand.
Ein Name.
Als die Namen fielen
Als wolle der Mond mit den Wolken Verstecken spielen, schien er voll und silbern über Auritania. Der Herbstwind rauschte kühl durch Byndras’ Furth. Die Luft roch nach feuchten, herabgefallenen Blättern, die hier und dort den Boden bedeckten. Ein junger Mann, ganz in Schwarz gekleidet, stand lässig an eine Hauswand gelehnt und beobachtete den Himmel. Tavin!
Die Nacht war sein Freund. In ihr fühlte er sich wohl, und das Licht des Himmels reichte ihm, um genug zu erkennen. Sein längeres schwarzes Deckhaar war locker zurückgebunden. Eine Narbe zierte seine Augenbraue, seine Gestalt war schlank und doch kräftig. Er lauschte auf jedes Geräusch, das die Nacht von sich gab. Er kannte sie alle.
Unter den Sarocah war Tavin als der Schatten bekannt. Er verstand es meisterhaft, sich lautlos zu bewegen und so zu verbergen, als sei er unsichtbar.
Er spitzte die Ohren, als er ein leises Rascheln vernahm, das nicht hierhergehörte. Seine Hand glitt zu seinem Gürtel, an dem ein Dolch in seiner Scheide ruhte. Seine hellbraunen Augen verengten sich, als könne er dadurch besser sehen. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft, den er nicht einzuordnen wusste.
Kriechend bewegte sich irgendetwas vorwärts. Schnell und präzise folgte Tavin lautlos dem Geräusch. Dann sah er etwas an einer Mauer entlangkriechen. In der Dunkelheit war es kaum zu erkennen, doch in seinem Inneren glomm etwas wie Glut, die allmählich verlosch.
„Was zum …“, murmelte der Sarocah. Sein Herz klopfte. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Plötzlich verschwunden, als hätte es sich in Luft aufgelöst. Oder war es durch die Erde gekrochen?
Tavin wusste es nicht. Er musste sich vergewissern, ob seine Augen ihm einen Streich gespielt hatten. Lautlos versuchte er herauszufinden, wo das Ding geblieben war. Er suchte und lauschte, doch der merkwürdige Geruch war die einzige Spur, der er noch folgen konnte. Dann verschwand auch diese.
„Seltsam. Was war das nur?“, fragte sich Tavin. Er zuckte mit den Schultern und atmete kaum hörbar aus.
Vielleicht hatten ihm seine Sinne einen Streich gespielt. Trotzdem setzte er seine Patrouille fort. Als auch Stunden später nichts Ungewöhnliches mehr geschah, setzte er sich auf eine Mauer am Hafen. Der Wind hatte nachgelassen. Als Tavin zum Himmel blickte, erkannte er das Sternbild Vega.
„Willst du mir etwas zeigen, Vega? Einen Weg, den ich noch nicht erkenne?“, murmelte er.
Am östlichen Horizont zeigte sich ein schmaler Lichtstreifen, der den Morgen ankündigte. Plötzlich ließ ein Aufschrei das Blut in seinen Adern gefrieren.
Wie der Blitz rannte Tavin in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Ein weiterer Schrei ertönte aus einem kleinen Haus, dem sich der Sarocah näherte. Tavin stieß die Haustür auf, sah sich im Innern um und folgte einer Treppe, die ins obere Stockwerk führte. Wieder hörte er dieses leise Rascheln. Auch der seltsame Geruch von vor wenigen Stunden lag erneut in der Luft. Roch es etwa verbrannt?
Wie zu Eis erstarrt stand eine ältere Frau im Zimmer, Augen und Mund weit aufgerissen, als würde sie noch immer schreien. Tavin folgte ihrem Blick. Am Boden lag der Mann des Hauses, wimmerte und krümmte sich. Sein Atem ging flach und schnell. Über seinen Körper breitete sich etwas Graues aus, in dessen Innerem eine schwache Glut schimmerte.
War das etwa Asche?