
Anmurias


Anmurias Chroniken
Chroniken
Von Keksen Knöpfen und
der Kunst zu bleiben
Niemand hatte ihnen gesagt, dass heute etwas passieren würde.
Und genau deshalb funktionierte es.
Die Agentur lag im dritten Stock eines Hauses, das sehr genau wusste, wie wichtig es war. Glas. Holz. Dezente Kunst an den Wänden, die erklärte, dass hier Geschmack wohnte. Menschen bewegten sich leise, als wollten sie nicht stören, was sie selbst für wichtig hielten.
Dann kam Laurin.
Er tat nichts Besonderes.
Er kam nur herein – und blieb stehen.
Und mit ihm blieb etwas anderes stehen: der Raum.
Aleris war die Erste, die sprach. „Guten Tag“, sagte sie freundlich. „Wir bringen eine Geschichte.“
Niemand antwortete sofort. Nicht aus Unhöflichkeit. Sondern, weil alle gleichzeitig bemerkten, dass Nirri da war.
Sie saß auf Laurins Schulter wie ein Gedanke, den man nicht loswird. Ein kleines Puschelwesen mit zu großen Augen, einem Schweif, der viel zu flauschig war, um zufällig zu sein, und einer Ruhe, die gefährlich wirkte. Sie musterte den Raum. Die Menschen. Die Möbel.
Und dann – die Kekse.
Eine Schale. Unauffällig. Strategisch platziert.
Nirris Schweif zuckte.
Laurin spürte es. Er sagte nichts.
Nirri sprang.
Sie landete geräuschlos auf dem Tisch, schnupperte kurz – prüfend, nicht gierig – und nahm dann einen Keks. Nicht hastig. Bedacht. Sie biss ab, kaute langsam, und sah dabei dem Chef der Agentur direkt in die Augen.
Niemand sagte etwas.
Fayren trat leise näher, stellte die Keksdose ein kleines Stück weiter vom Manuskript weg und nickte zufrieden. Ordnung war gewahrt.
„Ist das… erlaubt?“ flüsterte jemand.
Tavin lächelte. „Jetzt schon.“
Während Nirri sich dem zweiten Keks widmete, landete Vísindi auf dem Regal.
Klick.
Ein Kugelschreiber war weg.
Klick.
Ein zweiter.
Kaelren stand an der Tür. Entspannt. Der Bogen lässig in der Hand. Niemand hatte das Bedürfnis, hinauszugehen. Oder hinein.
Mira und Eranil hielten sich bereit, Fläschchen griffbereit. Eranil beobachtete die Szene mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Müdigkeit und Vergnügen lag.
„Falls jemand nervös wird“, sagte Mira leise.
Der Chef räusperte sich. „Also… das Manuskript…“
In diesem Moment entdeckte Nirri die Manschettenknöpfe.
Sie fror ein.
Der Schweif stand still.
„Oh“, machte sie leise. Ehrfürchtig.
Der Mann, dem sie gehörten, spürte es zu spät. Nirri kletterte behutsam an seinem Ärmel hoch, betrachtete den Knopf, stupste ihn an. Glänzend. Perfekt.
„Die sind schön“, stellte sie fest.
Niemand widersprach.
Mit einer Bewegung, die gleichzeitig Diebstahl und Kunst war, löste sie einen Knopf. Sie betrachtete ihn, hielt ihn ins Licht – und ließ ihn dann verschwinden. Wohin, wusste niemand genau. Später würde man ihn unter Kaelrens Hemd wiederfinden. Kaelren würde nichts dazu sagen.
Aleris verschränkte die Arme. „Wir wären dann so weit.“
Der Chef sah auf das Manuskript. Dann auf Nirri, die inzwischen zufrieden zwischen Keksschale und Papier zusammengerollt war.
„Wir… lesen das“, sagte sie schließlich. Nicht höflich. Nicht aus Pflicht. Sondern, als wäre es längst entschieden.
Laurin nickte kaum merklich.
Nirri schloss die Augen.
Und irgendwo, ganz leise, wurde klar:
Manche Geschichten müssen nicht vorgestellt werden.
Man muss ihnen nur erlauben, zu bleiben.
Bonus-Kapitel
Vom zweiten Manschettenknopf und anderen offenen Fragen
Es fiel niemandem sofort auf.
Das war das Beunruhigendste daran.
Erst Tage später, als der Chef der Agentur vor dem Spiegel stand, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt – und dann innehielt.
Er blinzelte.
Sah näher hin.
Ein Manschettenknopf fehlte.
Er überprüfte den anderen Ärmel.
Da war er. Glänzend. Unschuldig.
Der zweite blieb verschwunden.
„Merkwürdig“, murmelte er. Er war sicher gewesen, beide getragen zu haben. Er erinnerte sich sogar an den Moment, als er sie angelegt hatte. Bewusst. Sorgfältig.
Er dachte an den Tag zurück.
An das Manuskript.
An die Gruppe.
An dieses kleine Wesen.
„Nein“, sagte er laut. „Das ist absurd.“
Aber der Knopf blieb weg.
Wochen vergingen.
Der Text wurde gelesen. Diskutiert. Markiert. Weitergereicht.
Und immer wieder, ganz unerwartet, wenn jemand im Team zögerte oder zu analytisch wurde, wanderte der Blick unwillkürlich zu dem leeren Ärmel.
Als würde etwas fehlen, das nicht ersetzt werden konnte.
Eines Abends – niemand konnte später sagen, warum – öffnete der Chef eine Schublade, die er seit Jahren nicht benutzt hatte.
Darin lag der Manschettenknopf.
Sauber. Poliert.
Und eindeutig nicht dort hineingelegt.
Er schloss die Schublade wieder.
Am nächsten Tag sagte er im Meeting nur einen Satz:
„Wir machen das.“
Niemand fragte, warum.